Freitod - Weblog zum Selbstmord
[mit unsäglich origineller GIF-Animation]
 
Mittwoch, 10. März 2004


Werfel, blaßblaue Frauenschrift

Dieser Frack ist nämlich ein Erbstück. Ein Studienkollege und Budennachbar hat ihn Leonidas testamentarisch hinterlassen, nachdem er sich eines Abends im Nebenzimmer eine Kugel unangekündigt durch den Kopf gejagt hatte. Es geht fast wie im Märchen zu, denn dieses Staatsgewand wird entscheidend für den Lebensweg des Studenten. Der Eigentümer des Fracks war ein "intelligenter Israelit". (So vorsichtig bezeichnet ihn auch in seinen Gedanken der feinbesaitete Leonidas, der den allzu offenen Ausdruck peinlicher Gegebenheiten verabscheut.) Diesen Leuten ging es übrigens in damaliger Zeit so erstaunlich gut, daß sie sich dergleichen luxuriöse Selbstmordmotive wie philosophischen Weltschmerz ohne weiteres leisten konnten. (Franz Werfel: Eine blaßblaue Frauenschrift, S. 12)


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Sonntag, 7. März 2004


Krausser: Schmerznovelle

Im Internet gab es eine Website, auf der Selbstmordaspiranten und solche, die an dem Versuch bereits gescheitert waren, ihre Erfahrungen austauschen konnten. Da wurden saubere und schmerzlose Wege besprochen, ebenso Nachlaß- und Versicherungsfragen, Aspekte der Leichenentdeckung durch Angehörige und vieles mehr. Manche der Chatter beschlossen, sich zu treffen und gemeinsam aus der Welt zu gehen, andere benötigten Hilfe und boten Geld dafür, wieder andere begannen hemmungslos miteinander zu flirten. In einer Rubrik konnte man seine Vorstellung vom Jenseits per Bild präsentieren oder ausformulieren. Das war interessant. Es gab neben dem mehrheitlichen Schwarz in Schwarz auch ganz prächtig ausgemalte, arkadische Idyllen, so daß man sich fragen mußte, was jene Träumer denn noch länger von ihrem Freitod abhielt. Offentsichtlich waren die Urheber jener Schilderungen höchst vernünftige Leute, die ihre Freizeit opferten, um die überbevölkerte Erde durch schwelgerische Visionen ein wenig zu entlasten. Denen gegenüber standen in den Chatrooms verständnisvoll-besorgte Missionare, die Spaß daraus bezogen, Wackelkandidaten weichzureden und zurück ans Ufer des Lebens zu binden. Redeschlachten kamen in Gang, verbissen wurde gekämpft um jede Seele, die sich als gefährdet offenbarte. (Helmut Krausser: Schmerznovelle, S. 100)


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Per Fax angekündigt

...einige Tage Urlaub lagen hinter mir, ein Berg Post vor mir, und genau 121 E-Mails warteten darauf, geöffnet und beantwortet zu werden. Da kam das Fax eines 34-Jährigen: "Bitte seid mir nicht böse, ich kann nicht anders, ich werde aus diesem Leben gehen. Ich habe versagt, meine Wohnung wird morgen zwangsgeräumt." Er habe den letzten Halt durch neue Krankheitsschübe und den Tod seines Hundes verloren. "Einen Neuanfang schaffe ich nicht mehr, erst recht nicht von der Straße aus." Viele Telefongespräche folgten, die Zusammenarbeit mit der Polizei war großartig, sie fanden den Mann rechtzeitig, brachten ihn zu seinem Arzt, der ihn überredete, sich psychologisch behandeln zu lassen. Von Mensch zu Mensch wird versuchen, ihm zu einem Neuanfang zu verhelfen. Das war ein Ausschnitt aus dem Alltag unserer Redaktion. Es grüßt Sie herzlich Ihre Renate Schneider. [X]


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Sonntag, 29. Februar 2004


Gehäufte Suizide in Las Vegas

"Berühmt ist Las Vegas für Kasinos, spektakuläre Hotels und aufregende Shows. Immer wieder kommen jedoch Menschen in die Spielerstadt, die nicht nach dem Jackpot suchen - sie wollen allem ein Ende machen." (Spiegel Online: Leaving Las Vegas)


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Samstag, 21. Februar 2004


Suizidrate unter Soldaten

Etwas dürftig: "Was geschah mit Suellboy?" - SPIEGEL ONLINE - dagegen mehr Substanz zum Thema via wer-weiss-was - "Suizidrate" (aus Forum-Archiv "Militärpolitik").


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Freitag, 20. Februar 2004


Thelen, Insel (2)

Ich mißbillige den Selbstmord, den uns die Schöpfung schließlich in einprägsamen Beispielen vorgelebt hat, nicht. Seine Vorstellung ist mir sogar erhabener als der Tod, der einen Menschen fertigmacht durch einen Blumentopf, der aus der fünften Etage auf seinen Schädel fällt mit demselben Vorwissen Gottes, der auch den fallenden Spatz in den Allplan einbezieht. Jeder Mensch hat das Recht, mit seinem Leben anzufangen, was ihm beliebt; macht er Schluß damit, so ist das seine Sache. Eine andere ist es indessen, ob das seinen Mitmenschen behagt. Die meisten erblicken darin einen Eingriff in die Natur, und wenn das jeder täte - da liegt der Haken. Aus Egoismus will der Mensch, daß auch der andere am Leben bleibe, oder von des Nächsten Hand falle, wenn er zuviel wird. (Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts, S. 200)


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Donnerstag, 19. Februar 2004


Vatel

von Roland Joffé - zusammengefasst bei Dieter Wunderlich:

"... Gewissenhaft gibt François Vatel seine Anweisungen für das Fisch-Bankett des letzten Abends. Am nächsten Morgen soll er mit nach Versailles reisen. In der Nacht schreibt er Anne de Montausier einen Abschiedsbrief und bringt sich dann um."


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Thelen, Insel (1)

Wir waren verschämte Arme. Vielleicht würden wir uns aufhängen, sofern ein letztes, dringendes Telegramm an die Filmleute ohne Erfolg bliebe. Vielleicht? Schnell bei der Hand mit kurzen Prozessen, hatte ich diese Lösung vorgeschlagen. Beatrice fand Selbstmord aber lächerlich und feige, und Aufhängen zudem noch unästhetisch, das überlasse sie gern dem Fuhrmann Henschel aus Hauptmanns Drama und ähnlichen Proletariern der Literatur. Wenn sie je Hand an sich legen würde, dann nur im Stile der Sappho, die sich, die Leier schlagend, vom Leukadischen Felsen ins Meer gestürzt. (Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts, S. 161)


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Montag, 9. Februar 2004


Gedicht "Freitod"

Im Literaturcafe hat sich Malte Bremer das Gedicht "Freitod" von Janine Kecskes zur Brust genommen.


Dienstag, 3. Februar 2004


Selbstmordrate in D. drastisch gesunken

Heutzutage begehen in Deutschland weniger Menschen Selbstmord als vor 20 Jahren. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, ging die Selbstmordrate von 1982 bis 2002 um rund 40 Prozent zurück. Experten begründen die Entwicklung mit der besseren Behandlung von Depressionen und einer effektiven Präventionsarbeit. [mehr]


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Literaturlisten

Literaturlisten zum Thema Tod und Selbstmord hat Franz gesammelt und sie in 2 Bereiche getrennt: "1. Fachliteratur zum Thema Sterben, Tod und Selbstmord. Vor allem historisch-philosophische Bücher wurden in diese Liste aufgenommen und 2. Belletristisches - vor allem zum Thema Selbstmord. Und davon gibt es nicht eben wenig, daher sind der Länge der Liste keine Grenzen gesetzt."


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Donnerstag, 29. Januar 2004


Berühmte Selbstmörder

Von einem Lexikon der prominenten Selbstmörder berichtet einer der Autoren. "In mühsamer Recherchearbeit haben Gerald Grote, Michael Völkel und Karsten Weyershausen die Geschichte hinter der Geschichte ans Tageslicht gebracht: die Lebensstationen, die in anderen Personenlexika in der Regel verschwiegen werden. Was für Beweggründe führten zu der Verzweiflungstat? Gibt es Andeutungen in Arbeit und Privatleben? Wie äußerten sich Zeitzeugen und Angehörige? Welche Formulierungen wurden in den Abschiedsbriefen gewählt?" -- Und weiter heißt es: "Wir wollen nicht in das Pathos von Camus verfallen, der den Selbstmord zum einzig bedeuten philosophischen Problem erklärte. Aber dass das Phänomen, wie alle Tabubrüche, einen Sog der Neugier auslöst, bemerkt, wer durch das Lexikon der prominenten Selbstmörder blättert", schrieb die FAZ in einer Rezension. Die Zeitschrift MAX urteilte: "Eine interessante Lektüre", und Gaby Helbig bilanzierte im gay-web: "Es ist ein Lesebuch der besonderen Art, das ... auf ungewöhnliche Weise zum Nachdenken anregt." Nicht nur der Freitod Heinrich von Kleists gibt dazu Anlass: Er hatte seinen Selbstmord lachend und glücklich vorbereitet - wie im Rausch. "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war" steht in seinem letzten Brief. [Quelle]



Versteckte Tendenzen

Amerikanische Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, daß man die Selbstmordabsichten eines Autors aus seinen Texten herrauslesen kann.


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Geklaut beim Salbader
Geklaut beim Salbader

Hinweis in eigener Sache
Das Weblog Freitod definiert schon mit seinem Namen das Thema, das es enthält: Aspekte des Suizids sollen in gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht erörtert werden. Freitod ist ein kollaboratives Weblog, das allen registrierten Antville-Usern ermöglicht, sich zu beteiligen, indem sie entweder Einträge verfassen oder Kommentare zu den Einträgen schreiben können. Abgrenzend sei gesagt, dass nicht um Sinn und Daseinsberechtigung des Freitodes diskutiert werden soll und dass es sich auch nicht um ein Selbshilfeforum für Gefährdete oder betroffene Angehörigen handelt.

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