Freitod - Weblog zum Selbstmord
[mit unsäglich origineller GIF-Animation]
 


Stanisic, Vor dem Fest (2)

"Hast du den Ausweis mit?" "Wozu denn?" "Ich hab meinen nicht dabei. Keinen Führerschein, gar nichts. Du könntest mir Zigaretten besorgen. Wenn nicht, könntest du den Ausweis holen und dann Zigaretten besorgen." "Warum holen Sie nicht Ihren?" "Das schaff ich vor dem Selbstmord zeitlich nicht mehr." (Sasa Stanisic: Vor dem Fest)


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Profijt, Knast oder Kühlfach

Eine Selbstmörderin war auf dem Speicher ihres Hauses gefunden worden. (...) Wenn jemand die Seele baumeln lassen will, gibt es mehr Möglichkeiten, als der Durchschnittsbürger weiß. Die Falltür- auf-und-tot-Methode kennt jeder, der schon mal einen Western gesehen hat. Das ist nicht nur schwungvoll und dynamisch, sondern auch ziemlich erfolgreich, weil das Genick ein lautes Knacksen von sich gibt - und Schluss. Keine Zweifel, kein langes Leiden, eine schöne, runde Sache. Die unangenehmste Version ist das Erhängen an der Heizung oder am Abflussrohr des Waschbeckens. Ja, das geht. Allerdings stirbt der Selbstmordwillige bei diesen, sagen wir mal, erdnahen Selbsttötungen meist ziemlich langsam. Wichtig ist dabei, dass der Zug auf der Schlinge erhalten bleibt, der Typ sich also nicht, sobald es eng wird, wieder aufrappelt. Das ist nur etwas für besonders Willensstarke. (Jutta Profijt: Knast oder Kühlfach)


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Stanisic, Vor dem Fest (1)

Im Schnitt ist in Ländern mit höherem Lebensstandard die Suizidrate höher als in ärmeren Ländern. Überall bringen sich mehr Männer um. Nur in China nicht. Im Schnitt in der DDR anderthalbmal häufiger als im Westen. Herr Schramm kann es sich nicht vorstellen, dass das nur mit der DDR zu tun hatte. Eher eine Frage der Tradition, siehe Rheinland: alle katholisch, und kaum einer macht sich tot. (Sasa Stanisic: Vor dem Fest)



Schwarze See

Als ich auf das Wasser schlug und die schwarze See sich über mir schloß, war es urplötzlich still um mich herum. Kein pfeifender Wind mehr, keine tosenden Brecher, kein ächzen von Metall und kein Stampfen der Maschine. Stille. Dann ein leises Rauschen in meinem Kopf. Wenn, dachte ich, wenn da keiner ist, sobald du auftauchst, wenn da kein Rettungsring ist, keine Leine, wenn keiner dich bemerkt hat, wenn niemand dich vermisst, dann sei froh, dass du niemals richtig schwimmen konntest. Und halt dich an die alte Seemannsregel: lieber sofort absaufen und runtergehen wie ein Stein, als Stunden später jämmerlich zu erfrieren. Aber ganz konnte ich das Leben doch nicht lassen. (Kurt Lanthaler: Azzurro)


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Suizidluft

Kasimir liebte die Arbeitstage; nur der Abend, die Feiertage, die Sonntagsunterbrechungen mit ihrer Suizidluft machten ihm zu schaffen. (Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben)



Springen

Die Tür war geöffnet worden, und ein Mann im Bademantel war langsam auf die Balkonbrüstung gestiegen. Die Absicht war eindeutig nicht frischluftschnappend, sondern suizidal. Unten erwartete ihn der unersättliche Asphalt des Parkplatzes. (Jörg Maurer: Felsenfest)



„Die Geschichte von Herrn Sommer“

"Seinen Nußbaumstecken schwingend, einen Strohhut auf dem Kopf, läuft, ach was, eilt er um den namenlosen See herum, durchpflügt die Landschaft bis zur Kreisstadt und zurück und antwortet jedem, der ihn fragt, wohin er denn so schnell unterwegs sei mit einem unverständlichen „sehreiligsehrgradimmomentgarkeinezeit“..."

Lena Bopp erinnert für FAZ-online an die kleine, aber feine Novelle von Patrick Süskind aus dem Jahr 1991, die in ihrer wunderbar einfachen, geradlinigen Sprache sich auch und gerade um das Thema dieses Weblogs dreht: Suizid(gedanken) wegen Belanglosigkeiten (des jungen Erzählers) oder schlichte Unergründlichkeit (Herr Sommer).



Werner, Die kalte Schulter

Friedmann sah er vor sich, den Jugendfreund, er sah, wie Friedmann, eine Schuhschachtel unter dem Arm, stadtauswärts wanderte, pfeifend vielleicht, sah, wie er die Wiesen erreichte, den Wald, den geeigneten Baum, wie er die Schuhschachtel öffnete... Wenn ich siebzig bin, wird er noch immer vierundzwanzig sein, wird seine neapelgelben Hosen tragen und den Weltlauf anfechten. Alles stört mich, wird er sagen, sogar Rauhreif. (...) Das Frühstück ist meine Zuversichtsmahlzeit, sagt er, aber dann kommt die Straße, dann kommen die Männer, die alle einmal süß gezappelt haben, bevor sie auf rätselhaft mechanische Weise dem Krawattentum entgegenwuchsen; dann kommen die Frauen, frisch geduscht und frisch geschminkt und trotzdem tierisch fremd, nein, Moritz, wird Friedmann sagen, das alles ist nichts für mich. (...) Wenn Friedmann ihn jetzt rufen würde, ihn fragen würde, ob er, Friedmann, etwas verpaßt habe in den vergangenen Jahren? Ich habe keine Ahnung, müßte Wank sagen, viel Heiteres ist nicht geschehen, rasch haben die Stiernackigen sich vermehrt und für Zuwachs an Unheil gesorgt. Alles, was dich bedrängte, ist noch da, und doch hättest du bleiben müssen, ja, du hast vieles verpaßt, du fehlst uns, und jeder Freitod stärkt das Lager der Büffel.

(Markus Werner: Die kalte Schulter)



Singer, Verloren in Amerika

Jedes Geschichtsbuch war die Geschichte von Mord, Folterung und Ungerechtigkeit, jede Zeitung war in Blut und Schande getränkt. Die beiden pessimistischsten Philosophen, die ich gelesen hatte, Schopenhauer und von Hartmann, verurteilten beide den Selbstmord, aber in jenem Augenblick fühlte ich, daß es nur einen wirklichen Protest gegen die Schrecken des Lebens gäbe, und das wäre, dieses Geschenk Gottes an Ihn zurückzuschleudern. Es war durchaus denkbar, daß ich mich damals umgebracht hätte, wäre ich im Besitz von Gift oder einer Pistole gewesen. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 57)


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Werfel, Cella

Der dritte Mann trat auf uns zu. Es war ein kleiner stämmiger Rotkopf mit blinzelnden Äuglein. Man sah ihm den Priester nur am schwarzen Rock an, zu dem er kurze Touristenhosen mit Wadenstrümpfen trug. Das Skapulier hatte man ihm bei Aufnahme abgenommen, wie uns andern Hemdkragen, Krawatte und Schuhbänder. Das ist in allen Gefängnissen der Brauch, um den Eingekerkerten jedes Werkezug des Selbstmordes zu entziehen. Die menschliche Gesellschaft, die nichts tut, das Leben der Freigehenden zu gewährleisten, setzt in Zucht- und Irrenhäusern alles daran, das Leben der Verlorenen vor Selbstvernichtung zu bewahren. Das ist einer ihrer kopflosen Widersprüche. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 141)


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Baum, Menschen im Hotel

"Die Drehtür muß offen bleiben. Der Ausgang muß jederzeit parat sein. Sterben muß man können, wann es einem paßt. Wann man selber will." "Wer will denn sterben? Niemand", sagte Gaigern schnell und voll Überzeugung. "Na-", sagte Otternschlag und schluckte etwas hinunter. Kringelein in seinem Hotelbett murmelte unverständliche Worte unter seinem erschlafften Schnurrbart. "Na - zum Beispiel, sehen Sie mich an", sagte Otternschlag. "Sehense mich genau an. Ich bin ein Selbstmörder, verstehense. Gewöhnlich sieht man Selbstmörder erst nachher, wenn se schon am Gasschlauch genuckelt oder losgeknallt haben. Ich, wie ich hier sitze, bin also ein Selbstmörder vorher, mit einem Wort. Ich bin ein lebender Selbstmörder, eine Rarität, werden Sie zugeben. Eines Tages nehme ich aus dieser Schachtel zehn Ampullen, rein damit in die Vene - und dann bin ich ein toter Selbstmörder. Ich spaziere raus aus der Drehtür, bildlich gesprochen, und Sie können drin sitzen bleiben in der Halle und warten." (Vicki Baum: Menschen im Hotel, S. 253)


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Glavinic, Die Arbeit der Nacht

Als er jung war, hatten ihn Selbstmorde von Stars aus Musik und Film vor Rätsel gestellt. Wieso tötete sich jemand, der alles hatte? Wieso brachten sich Menschen um, die Millionen zur Bank trugen, die mit anderen Berühmtheiten Coctailpartys feierten, die mit den bekanntesten und begehrtesten Menschen des Planeten ins Bett gingen? Weil sie einsam waren, lauetet die Antwort, einsam und unglücklich. Wie dumm, hatte er gedacht, deswegen brachte man sich nicht um. (…) Erst später hatte er begriffen, warum sich diese Menschen töteten. Nämlich aus demselben Grund wie die Unberühmten und Armen. Sie konnten sich an sich selbst nicht festhalten. Sie ertrugen es nicht, mit sich allein zu sein, und hatten erkannt, daß das Zusammensein mit anderen das Problem nur leiser drehte, in den Hintergrund rückte, nicht aber löste. Vierungzwanzig Stunden am Tag man selbst zu sein, nie ein anderer, das war in machen Fällen eine Gnade, in anderen ein Urteil. (Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht)


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Textstreusel (1)

Eigentlich kann man das, was einem hier auf der Welt zugemutet wird, doch nur aushalten, wenn man weiß, daß man in jedem Augenblick Schluß machen kann, wie? Das Leben ist eine miserable Sorte von Dasein. (Vicki Baum: Menschen im Hotel)

Wenn alle irdischen Güter, für die wir leben, wenn alle Freuden, die uns das Leben gewährt, Reichtum, Ruhm, Ehren, Macht, uns durch den Tod geraubt werden, haben diese Güter keinerlei Sinn. Wenn das Leben nicht unendlich ist, dann ist es ganz einfach absurd, ist es nicht wert, gelebt zu werden, und man muß sich seiner so schnell wie möglich durch Selbstmord entledigen. (Lew Tolstoj)

Die Unlust weiterzuleben reicht zum Sterbenwollen nicht aus. (Heinz Strunk: Fleckenteufel, S. 212)

... daß in der Morgenzeitung drei Selbstmorde gemeldet worden sind - alle von ehemaligen kleinen Rentnern; alle auf die Lieblingsart der Armen begangen: mit dem offenen Gashahn. (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 81)

Dann löste sich ja eine Stadtbekanntheit seinetwegen in Nichts auf, indem sie den Gashahn wie unabsichtlich, wie aus Zerstreutheit öffnete, wonach sie umfiel und den Tod fand. (Robert Walser: Die Räuber, S. 37)


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Geklaut beim Salbader
Geklaut beim Salbader

Hinweis in eigener Sache
Das Weblog Freitod definiert schon mit seinem Namen das Thema, das es enthält: Aspekte des Suizids sollen in gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht erörtert werden. Freitod ist ein kollaboratives Weblog, das allen registrierten Antville-Usern ermöglicht, sich zu beteiligen, indem sie entweder Einträge verfassen oder Kommentare zu den Einträgen schreiben können. Abgrenzend sei gesagt, dass nicht um Sinn und Daseinsberechtigung des Freitodes diskutiert werden soll und dass es sich auch nicht um ein Selbshilfeforum für Gefährdete oder betroffene Angehörigen handelt.

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