Freitod - Weblog zum Selbstmord
[mit unsäglich origineller GIF-Animation]
 


Salome, Oscar Wilde

"Salome. Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Ich will deinen Mund küssen.
Der junge Syrier. Prinzessin, Prinzessin, die wie ein Garten von Myrrhen ist, die die Taube aller Tauben ist, sieh diesen Mann nicht an, sieh ihn nicht an. Sprich nicht solche Worte zu ihm. Ich kann es nicht ertragen . . . Prinzessin, spricht nicht solche Dinge.
Salome. Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan.
Der junge Syrier. Ah!
Er tötet sich und fällt zwischen Salome und Jochanaan."

Oscar Wilde, Salome, Tragödie in einem Akt, zitiert nach der Übersetzung von Hedwig Lachmann, erschienen in der Ausgabe des Insel Verlags (Insel Bücherei Nr. 247), 14. Aufl. 1990, S. 24.

Hier nachzulesen im Libretto der Oper von Richard Strauss: Narraboth.


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"Of Suicide"

"... Has not every one, of consequence, the free disposal of his own life? And may he not lawfully employ that power with which nature has endowed him?

In order to destroy the evidence of this conclusion, we must shew a reason, why this particular case is excepted. Is it because human life is of so great importance, that it is a presumption for human prudence to dispose of it? But the life of man is of no greater importance to the universe than that of an oyster..."

Essay I of Two, 1757 by David Hume;
zu deutsch lautet die Textstelle etwa:

"... hat folglich nicht jeder die freie Verfügung über sein Leben? Und kann er nicht mit vollem Recht von der Macht, welche ihm die Natur verliehen hat, Gebrauch machen?

Um die Beweiskraft dieses Schlusses zu vernichten, müßte ein Grund aufgezeigt werden, weshalb dieser spezielle Fall ausgenommen ist. Ist es deshalb, daß menschliches Leben so große Bedeutung hat, daß es für menschliche Einsicht zu anmaßend ist, darüber zu verfügen? Aber das Leben eines Menschen hat für das Weltall nicht größere Bedeutung als das einer Auster..."

hier in der Übersetzung von Friedrich Paulsen, 1905, wiedergegeben - eine neuere Übersetzung von Lothar Kreimendahl aus dem Jahr 1984 ist noch nicht gemeinfrei.

Der Aufsatz lohnt insgesamt - er untersucht die Frage, ob es ein Suizidverbot oder womöglich umgekehrt sogar ein Recht auf Selbstmord gibt, von folgender Überlegung aus:

"Wenn Selbstmord ein Verbrechen ist, so muß er eine Übertretung unserer Pflicht gegen Gott, gegen unsere Nächsten oder gegen uns selbst sein..." (Hume/Paulsen, a.a.O.).



Viktor Staudt

bewirbt derzeit sein Buch "Die Geschichte meines Selbstmords: und wie ich das Leben wiederfand", das gerade in deutscher Sprache erschienen ist, u.a. z.B. hier in der WDR-Talkshow Kölner Treff.

Seine Geschichte ist - naturgemäß schon thematisch - tragisch, für die Presse umso mehr ein gefundenes Fressen, als er beim Sprung vor den Zug beide Beine verlor.

Seine Beweggründe für das Buch: "Falls nur ein einziger Mensch sich nach der Lektüre dieses Buch entscheidet, Hilfe zu suchen, anstatt Hand an sich zu legen, habe ich mein Ziel erreicht“.

Allein, ob ihm das so gelingt, wie er sich das vorstellt, ob das intentional hochgelobte Werk diesem Anspruch gerecht werden kann? Marianne Kestler, die das Buch in einem Kommentar bei Amazon vorab auch inhaltlich zusammengefasst hat, sieht das kritisch. Eine weitere, pseudonyme Kommentatorin fasst Zweifel und Bedenken noch deutlicher:

"... Trotzdem muss ich einen großen Kritikpunkt anbringen, den aber nicht der Autor (sondern wohl vielmehr der Verlag) verschuldet: Auf das Buch wird man aktuell aufmerksam über die zahlreiche Berichterstattung in der Presse. Dort wird das Buch quasi als Wachmacher gegen Suizid hochgelobt, Stichwort: Papageno-Effekt. Genauso, wie der Werther-Effekt [...] dazu führen soll, dass mediale Berichterstattung oder generalle Exposition mit dem Thema Suizid eine statisch signifikant erhöhte Suizidrate nach sich zieht, so sollen positive Berichte über überwundene Suizidalität den gegenteiligen Effekt haben. Am Buchenende lobt ein Prof. Dr. Siegfried Kasper von der Medizinischen Universität Wien (raten Sie mal, wer den Begriff 'Papegeno-Effekt' in Umlauf gebracht hat? Richtig - selbige Uni) das Buch noch mal über den Klee und beschreibt es als, Zitat: "Exzellentes Beispiel für den Umgang mit der Erkrankung Suizidalität und der damit in Verbindung stehenden Depression. Mehr noch: Es zeigt, wie man Menschen und deren Angehörigen in dieser verzweifelten Krisensituation helfen kann."

Schöne Worte, aber nicht angebracht: Von "exzellentem Umgang" kann hier keine Rede sein. Eine konkrete Beschreibung der letztendlichen Lösung erfolgt gerade mal ab Position 95% des Buchs (Kindle lässt grüßen ...): Als Viktor bei einer Hausärztin endlich ein für ihn wirksames Antidepressivum verschrieben bekam. Auch die Diagnose Borderline, die angeblich für die Depressionen mitursächlich ist, kommt in meinen Augen ein klein wenig vage daher - Staudt zeigt zwar immer wieder Teile davon, aber tun wir das nicht alle? Gut: Das Buch sollte natürlich nicht zur Fremddiagnose oder Spekulation einladen. Letzten Endes dient eine Diagnose ja auch nur dazu, einen geeigneten Behandlungsplan zu entwerfen. Dieser fehlt aber irgendwie: Wie's psychotherapeutisch weitergeht, etc., da findet man wenig bis gar nichts. Fast schon zynisch mutet deshalb der Schluss-Satz des Hauptwerks an, in dem der Autor über sich selbst schreibt: "Und er lebte noch lange, glücklich und zufrieden."

Kurzum: Das Buch ist wirklich toll geschrieben und erzählt die Geschichte eines Mannes, der trotz seiner zahlreichen inneren Dämonen weitaus mehr Kraft und Energie hat, als er wohl selbst merkt. Man möchte ihm zum Schluss hin fast schon Mut zusprechen und von Herzen alles Gute für seinen weiteren Lebensweg wünschen - verdient hat er es! Für Menschen, die in einer akuten Krise stecken und sich mit suizidalen Gedanken herumschlagen, betrachte ich das Buch [aber] als völlig kontraindiziert...

Die Lektüre ist jedenfalls und sicherlich keine "Aufbauliteratur", das "neue" Leben vielleicht für den Autor eine Besserung gegenüber seiner früheren, chronischen Suizidalität. Gesunde Lebensfreude sieht meiner Meinung nach gleichwohl anders aus. Es verbleibt ein wenig der Eindruck: "Nimm rechtzeitig das richtige Antidepressivum und das Problem ist im Wesentlichen gelöst..." - dabei hat die Aufarbeitung durch den Autor jedenfalls in literarischer Form wohl tatsächlich erst begonnen: Nach seiner Antwort auf diese kritische Anmerkung [die offenbar zwischenzeitlich gelöscht ist: Stand 15.11.2014, dazu die Kommentare unten] ist eine Fortsetzung offenbar bereits in Arbeit.



André Bernheim

"Ende November checkte ein altes Ehepaar im Pariser Hotel „Lutetia“ ein, das sehr schön im sechsten Arrondissement gelegen ist und als besonders romantisch gilt. Am nächsten Morgen wurden die beiden in ihrem Zimmer tot aufgefunden, Hand in Hand, ihre Körper waren noch warm [...]

Emmanuèle Bernheim, 58, erzählt mir von dieser Geschichte, über die sie in der Zeitung gelesen hat. Sie hat ihre eigene Erfahrung damit gemacht, wie kompliziert es sein kann, wenn ein alter Mensch beschließt, nicht mehr weiterleben zu wollen. Ihr Buch „Alles ist gutgegangen“, das jetzt auf Deutsch erscheint, handelt vom Selbstmord ihres Vaters - und liest sich komischer, rasanter und spannender, als man bei diesem Thema meinen sollte..."

Johanna Adorján für faz.net.


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"Selbstmord im Dritten Reich"

von Christian Goeschl, im Suhrkamp-Verlag erschienen, vielfach positiv besprochen und vom Verlag auf eine feine Leseprobe verlinkt.


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Rede eines Selbstmörders kurz vor der Tat aufgesetzt.

Freunde! Ich stehe jetzo vor der Decke im Begriff sie aufzuziehen, um zu sehen ob es hinter derselben ruhiger sein wird als hier. Es ist dieses keine Anwandlung einer tollen Verzweiflung, ich kenne die Kette meiner Tage aus den wenigen Gliedern die ich gelebt habe zu wohl. Ich bin müde weiter zu gehen, hier will ich ganz ersterben oder doch wenigstens über Nacht bleiben. Hier nimm meinen Stoff wieder, Natur, knete ihn in die Masse der Wesen wieder ein, mache einen Busch, eine Wolke, alles was du willst aus mir, auch einen Menschen, aber mich nicht mehr. Dank sei es der Philosophie, daß mich jetzo keine fromme Possen in dem Zug meiner Gedanken stören. Genug ich denke, ich fürchte nichts, gut, also weg mit dem Vorhang!"

Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher B 205/209.


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Hoch dezidierte Betrachtung

Ich möchte auf einen, nach meinem Dafürhalten, grandiosen Text hinweisen.
Es handelt sich um die Antrittsvorlesung von Ralf Stoecker, die da lautet:
„Ein wirklich ernstes philosophisches Problem - Philosophische Reflexionen über den Suizid“

Er handelt das Thema unter folgenden Prämissen ab:

  1. Muss man Suizid begehen?
  2. Darf man Suizid begehen?
  3. Will man Suizid begehen?
  4. Kann man Suizid begehen?

Absolut lesenswert. Ich hatte bis dahin nichts Ähnliches gelesen. Wer den Link nicht ansieht, wird es nicht bedauern. Wer ihn aber angeklickt hat, weiß, dass er etwas zu bedauern gehabt hätte, wenn er ihn nicht angeklickt hätte. ;-) Der Link:

www.uni-potsdam.de



Sport ist Mord

Die ehemalige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel hat ein Buch über Robert Enke geschrieben. Rezensionsnotiz und Link zur Leseprobe hier beim Perlentaucher.


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Brigitte Schwaiger

"Kein Platz zwischen Leben und Tod" titelte der Der Spiegel 2006 seinen Artikel zu ihrem Buch "Fallen lassen", das im Jahr 2009 in einer Kundenrezension eines Online-Buchhändlers so beschrieben wurde:

"Es fällt mir schwer, für dieses Buch die richtigen Worte zu finde.
Ich würde ja gerne "wunderbar" verwenden, doch auf Grund der Tragik der Geschichte, ist es einfach unpassend.
Niemals habe ich ein so offenes und ehrliches Buch über das Thema Suizid gelesen - und ich habe schon viel darüber gelesen.
Brigitte Schwaiger erzählt schonungslos und ohne Selbstmitleid die Geschichte ihres Lebens. Zwischen Klinikaufenthalten und der Einsamkeit in der Welt wird der Leser ein Weggefährte von Frau Schwaiger. Das Buch ist grandios geschrieben, zieht einen in den Bann und man wünscht sich so sehr ein Happy End. Aber das Leben ist nun mal kein Roman, und Wünsche werden oft nicht erfüllt. Wie es hier aussieht, sollte jeder selbst herausfinden, es lohnt sich auf jeden Fall.
Offen werden Suizidversuche geschildert, und auch die daraus resultierenden Folgen werden glaubhaft und ehrlich erzählt. Der Wunsch nach dem Tod steht immer im Vordergrund, es wird erläutert warum und wieso, doch wirkliche Antworten werden trotz allem nicht gefunden. ..."

Nun wurde sie tot in der Donau aufgefunden.


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Ein zentrales Werk

zum Thema scheint mir hier zu fehlen –

Jean Améry: Hand an sich legen

Es gehörte zu den beeindruckensten Leseerlebnissen, die ich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre hatte, etwa zu der Zeit, als ich auch das hier bereits erwähnte Buch Der grausame Gott von Alfred Alvarez las.

Ich bin hier über fünf Ecken hineingeraten, vermutlich über die Flohbude.



"Wintersonate"

ist der Titel des Debut-Romans von Eugene Drucker, Mitgründer des Emerson String Quartets.

Ein heftiger und vielschichtiger Roman um Musik und die Grausamkeit des Holocaust, wiederholt auch zum Thema dieses Weblogs, z.B.

""... Ich hatte noch gar nicht zur Pritsche meines Vaters geschaut, da habe ich es schon gewusst. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, weil die Decke zusammengeknüllt war, Brust und Kopf verdeckt hat. Ein Arm hing von der Pritsche; am Handgelenk klaffte ein tiefer Schnitt. Und auf dem Boden lag in einer Blutlache ein Rasiermesser. ...""

Eugene Drucker, Wintersonate, S. 206, Deutsche Übersetzung von Inge Leipold, erschienen im Osburg Verlag, 2010.


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Final Exit

Das Buch Final Exit: The Practicalities of Self-Deliverance and Assisted Suicide for the Dying von Derek Humphry erschien 1991 und verursacht seitdem ziemlichen Wirbel, werden in ihm doch konkrete und praktikable Wege aufgezeigt, wie man sich sicher selbst töten kann. 1993 berichtete die Nachrichtenagentur Reuter: "A step-by-step guide on how to commit suicide has turned into a bestseller in the United States. The book, Final Exit, is meant for people with terminal diseases... Final Exit was written by Derek Humphry, founder of the Hemlock Society, named after the poison the Greek philosopher Socrates took to kill himself more than 2,000 years ago..."


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Ambivalenz der Freiheit

"Die Studie untersucht das suizidale Denken aus kulturwissenschaftlicher Perspektive und mündet in der heutigen Kontroverse um Beihilfe zur Selbsttötung.Um das humane Privileg der Selbsttötung entbrennt in jüngster Zeit erneut eine vielstimmige Diskussion. Die ethische Kernfrage, ob das suizidale Denken wirklich autonom erfolgen kann und ob die Mediziner in Grenzsituationen des Lebens Beihilfe zur Selbsttötung leisten dürfen, verfolgt die transdisziplinär angelegte Studie: zuerst an klassischen Texten der Philosophie, anschließend anhand der soziologischen und psychiatrischen Suizidforschung, wie sie um 1900 vor allem von Emile Durkheim initiiert und Karl Jaspers philosophisch diskutiert wurde. Außergewöhnliche Einblicke in die innere Einstellung suizidaler Menschen ermöglichen die fiktionalen und autobiografischen Texte Ingeborg Bachmanns, Uwe Johnsons, Wilhelm Kamlahs und besonders Jean Amerys." Perlentaucher beobachtet das Buch Ambivalenz der Freiheit. Suizidales Denken im 20. Jahrhundert von Matthias Bormuth.


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Geklaut beim Salbader
Geklaut beim Salbader

Hinweis in eigener Sache
Das Weblog Freitod definiert schon mit seinem Namen das Thema, das es enthält: Aspekte des Suizids sollen in gesellschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht erörtert werden. Freitod ist ein kollaboratives Weblog, das allen registrierten Antville-Usern ermöglicht, sich zu beteiligen, indem sie entweder Einträge verfassen oder Kommentare zu den Einträgen schreiben können. Abgrenzend sei gesagt, dass nicht um Sinn und Daseinsberechtigung des Freitodes diskutiert werden soll und dass es sich auch nicht um ein Selbshilfeforum für Gefährdete oder betroffene Angehörigen handelt.

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